Gesucht: Stammzellen-Spender

„Ende Dezember hat mir der Arzt mitgeteilt, dass ich eine Stammzellentransplantation benötige!“

Von heute auf morgen wurde durch diesen einen Satz das Leben von Antonia (Name durch die Redaktion geändert) auf den Kopf gestellt. „Warum ich? Habe ich eine Chance? Meine Familie? Ich brauche einen Stammzellen-Spender! Wie geht es weiter?“ Gedanken und Sorgen spuken der Mittvierzigerin aus Holzgerlingen durch den Kopf.

Krebs – so weit weg und doch so nah.

Alle 15 Minuten erhält ein Mensch in Deutschland die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs. Viele Patienten sind Kinder und Jugendliche, deren einzige Chance auf Heilung eine Stammzellspende ist. Doch jeder zehnte Patient findet keinen Spender. Auch in der Corona-Krise benötigen Blutkrebspatienten dringend unsere Hilfe. Deshalb soll vor allem auch immer wieder dazu aufgerufen werden, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. Die „Registrierung“ geht auch während der Coronazeit ganz gut und einfach zu Hause durchzuführen.

Leitende Pastorin geht mit gutem Beispiel voran, lässt sich selbst typisieren und motiviert zur Typisierung

Antonia ist in der Evangelisch-methodistischen Kirche stark engagiert, so bleibt natürlich die Krankheit nicht lange verborgen. Viele Kirchenglieder sind über die Diagnose bestürzt und entsetzt. Sie fragen sich, wie kann man helfen. Auch wenn es sich einfach anhört, dass man sich typisieren lassen soll, besteht leider nach wie vor eine große Hemmschwelle davor. Fragen wie „Was müsste ich dafür tun? Werde ich zu etwas gezwungen?“ schießen vielen durch den Kopf. Die DKMS hat auf ihrer Homepage (www.dkms.de) sehr gutes Informationsmaterial in Wort, Bild, Film eingestellt, sodass keine Fragen offenbleiben. So haben es dann auch viele Kirchenglieder getan und sich mit der Materie vertraut gemacht. Allen voran die leitende Pastorin der EmK Böblingen, Holzgerlingen und Altdorf, Anne Oberkampf. Sie startete in ihren Newslettern Aufrufe rund um die Thematik Typisierung und sie ging mit gutem Beispiel voran, sie organisierte sich selbst ein solches Typisierungs-Paket.

„Es war viel einfacher als ich gedacht hatte,“ berichtet die Gemeindepastorin, die mit ihren 52 Jahren gerade noch zur Zielgruppe gehört. Mit drei Teststäbchen musste sie in der Mundhöhle einen Abstrich machen, die Stäbchen trocknen lassen und an die DKMS zurücksenden. Auch ihre Tochter hat sie gleich motiviert und die Anregung für die Registrierung auf ihrem WhatsApp-Account geteilt. „Die Rückmeldungen war überwältigend“, schwärmte sie, denn viele ihrer Bekannten berichteten davon, dass sie selbst schon Spender sind oder auch einmal helfen konnten. Auch von akuten Fällen und von schweren Geschichten hörte die Pastorin auf diesem Wege. Deshalb hält sie es für gut, auch über dieses Thema zu reden. „Jeder hat in seinem Bekanntenkreis Betroffene.“ Nun hofft sie zusammen mit der ganzen Gemeinde, dass bald ein Knochenmarkspender für Antonia gefunden wird und diese dann auch die ganze Prozedur im Krankenhaus gut übersteht. Ziel für die leitende Pastorin ist ein Dankgottesdienst für die vollständige Heilung von Antonia. Vielleicht noch in diesem Jahr? Die Hoffnung und das Vertrauen auf einen Spender werden nicht aufgegeben.

Bereits typisiert?

Dringend die Kontaktdaten aktualisieren.

Einige, die bereits typisiert waren und sind, wurden durch die Krankheit von Antonia daran erinnert, ihre persönlichen Daten bei der DKMS (Deutsche Knochenmark Spenderdatei) zu aktualisieren. Wie oft wechseln wir die Handynummer und teilen dies überall mit. Wichtig ist, dies künftig auch bei der DKMS zu tun, denn nur so ist gewährleistet, dass die DKMS mit den möglichen Spendern in Kontakt treten kann.

 

Menschenleben retten

Dass eine solche Typisierung vielleicht Menschenleben retten kann, hat ein anderes Kirchenglied der EmK Altdorf persönlich erfahren dürfen. Gina (Name ebenfalls von der Redaktion geändert), heute 56 Jahre alt, hat sich vor Jahren bei der DKMS registrieren lassen.

„Nachdem im Herbst 2007 in meinem Bekanntenkreis eine junge Frau eine Stammzellspende benötigte, habe ich mich - als ich in der Uniklinik in Tübingen zur Blutspende war - auch gleich typisieren lassen.“ Es vergingen keine zwei Wochen und schon kam ein Anruf vom Institut für klinische Transfusionsmedizin in Ulm: „Sie kommen als Stammzellspenderin in Frage. Sind Sie noch bereit zu spenden?“ So die überraschende Information am Telefon.

Nachdem Gina zugesagt hatte, begann sofort am Telefon ein erster Medizin-Check. Es wurde bereits hier schon abgefragt, ob sie überhaupt in der Lage wäre zu spenden. Sie war es. Beim niedergelassenen Hausarzt wurde dann eine Blutprobe entnommen. Es wurde getestet, ob tatsächlich eine genetische Übereinstimmung mit der Patientin besteht. Dies Blutprobe wurde dann per Kurier nach Ulm geschickt.

Nun hieß es warten.

In der Stammzellspenderdatei wurde für eine Patientin aus dem benachbarten Ausland dringend eine Stammzellspende gesucht. Als klar war, dass sogar eine 100%ige Übereinstimmung vorhanden war, wurde Gina innerhalb weniger Tage nach Ulm gebeten. Bei ihr wurde die periphere Stammzellspende vorgesehen, das heißt dass die Stammzellen einfach aus ihrem Blut gefiltert würden. Es war keine Operation zur Entnahme der Knochenmarkspende nötig. „Darüber war ich schon sehr erleichtert und auch ehrlicherweise froh“, sagt Gina.

„In Ulm angekommen wurde ich gleich von Kopf bis Fuß durchgecheckt. Allerdings kam noch während meines dortigen Abschlussgespräches ein Anruf, in dem gesagt wurde, dass aktuell keine Spende mehr benötigt würde, da die anonyme Empfängerin zu schwach sei, um den Spendenprozess durchzustehen.“ Gina ging somit ohne Termin zur Entnahme der Stammzellen wieder nach Hause. Ihr gingen viele Gedanken durch den Kopf. Wie enttäuscht wohl die kranke Dame war? Wir können es nur vermuten.

Einen Monat später bekam Gina wieder einen Anruf und wurde gefragt, ob sie noch immer bereit wäre zu spenden und zwar ganz konkret am 26. Dezember. Auch dieses Mal bekam sie leider wieder kurzfristig die Absage, da ein erneutes Mal die Empfängerin nicht stabil für eine Spende war.

Es vergingen wieder einige Monate. Im April 2008 war es dann soweit. Die Patientin war stabil, die Stammzellen-Spende wurde benötigt. Als Vorbereitungsmaßnahme musste sich Gina 5 Tage vor der Spende zweimal täglich mit Hormonen spritzen. „Zuerst war das schon eine Überwindung, aber schon am zweiten Tag hat alles gut funktioniert. Und im Übrigen hätte ich auch zum Hausarzt gehen können und der hätte das gemacht“. Die Nebenwirkungen des Medikamentes fühlten sich wie eine Grippe an, etwas Gliederschmerzen und etwas Kopfweh. Was ist aber das im Vergleich zum Retten eines Menschenlebens?

Dann kam der große Tag. Zur Entnahme fuhr Gina mit Begleitperson nach Ulm, alles war für sie vom Institut für klinische Transfusionsmedizin Ulm organisiert worden. Am ersten Tag wurde sie an eine Art Dialyse-Geräte angeschlossen, welche im Laufe der fünfstündigen Spende das Blut zirka fünfmal durchlaufen lässt. „An einem Arm lief das Blut aus mir in die Maschine und von der Maschine in den anderen Arm wieder in meinen Körper zurück. Davon habe ich kaum etwas bemerkt. Es war aber für mich alles sehr spannend und interessant gewesen.“ Da die Konzentration ihrer weißen Blutkörperchen nicht optimal war, wurde sie am Folgetag noch einmal für rund drei Stunden an die Maschine angeschlossen. So konnten genügend Stammzellen bereitgestellt werden. Bei männlichen Spendern reicht oft bei dieser Stammzellspenden-Methode ein Tag aus.

„Was für mich auch sehr beeindruckend war, war das Team, welches mich die ganze Zeit begleitete: War mir kalt, wurden mir gleich warme Decken gebracht. Hatte ich Fragen, wurde mir alles erklärt. Wünsche wurden mir von den Augen abgelesen. Einfach toll, wie sich das Krankenhaus-Personal – sowohl Pflege als auch Ärzte – um mich kümmerten.“ Neben Gina saß ein 30jähriger Vater, der für seine kleine Tochter spendete. Das sind die emotionalen Momente, die einen bewegen und auch wieder innehalten lassen. „Der Aufwand und die Unannehmlichkeiten halten sich wirklich in Grenzen“, bestätigt uns Gina. „Das Gefühl einem Menschen ein neues Leben geschenkt zu haben, ist unbeschreiblich.“

Antonia hofft nun auch auf eine große Bereitschaft zur Stammzellspende. Jeder kann sich typisieren lassen. Jeder sollte sich typisieren lassen.

Kranke Menschen wie Antonia sind dankbar über Menschen wie Gina, die zum Spenden bereit sind. Sie sind auch dankbar über Menschen wie die leitende Pastorin Oberkampf. Sie fackelte nicht lange, nahm das Heft des Handelns in die Hand und setzt alles daran, dass ein Spender gefunden wird.

 

Wussten Sie schon?

  • Nur ein Drittel aller Blutkrebspatienten findet innerhalb der Familie einen passenden Spender.
  • Alle 15 Minuten erhält ein Patient in Deutschland die Diagnose Blutkrebs.
  • Es gibt derzeit 10.391.602 Registrierungen auf der ganzen Welt! Aber leider immer noch zu wenig, vor allem dann, wenn du selbst betroffen bist.

DKMS

Die DKMS gemeinnützige GmbH ist eine deutsche gemeinnützige Organisation mit Sitz in Tübingen. Haupttätigkeitsfeld ist die Registrierung von Stammzellspendern, mit dem Ziel, weltweit Blutkrebspatienten mit einer Stammzelltransplantation eine zweite Lebenschance zu ermöglichen. Um die Heilungschancen der an Leukämie und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen des blutbildenden Systems Erkrankten zu verbessern, ist die DKMS auch als wissenschaftliche Forschungsorganisation im Bereich Blutkrebs und Stammzelltransplantationen aktiv.

Blutkrebs kann behandelt werden

Blutkrebspatienten können die Krankheit häufig nur mithilfe einer Stammzellspende eines passenden Spenders besiegen. Bei Leukämien und malignen Lymphomen ist die Übertragung gesunder Stammzellen, wenn sich durch andere Therapiemaßnahmen der Krebs nicht genug zurückdrängen lässt, oft sogar die einzige Aussicht auf Heilung.

Leukämie und Blutkrebs

Unter Leukämie versteht man eine Reihe von bösartigen Krankheiten, bei denen es meist zu einer krankhaft gesteigerten Vermehrung von unreifen und damit funktionsunfähigen weißen Blutkörperchen kommt. Die malignen Lymphome sind eine Gruppe von bösartigen Erkrankungen des sogenannten lymphatischen Systems. Hierzu gehören die Hodgkin-Lymphome (Lymphogranulomatose) und die große Gruppe der Non-Hodgkin-Lymphome, zu denen auch die chronisch lymphatische Leukämie gehört.

Die Krankheit Blutkrebs

Blutkrebs ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks und des blutbildenden Systems, bei denen die normale Blutbildung durch die unkontrollierte Vermehrung von bösartigen Blutzellen gestört ist. Durch die Krebszellen kann das Blut seine lebensnotwendigen Aufgaben nicht mehr ausführen, zum Beispiel Infektionen bekämpfen, Sauerstoff transportieren oder Blutungen stoppen.