Wohlzutun vergeßt nicht

Frühjahr ist Fastenzeit. Nach dem Aschermittwoch nun auch offiziell. Doch schon davor haben viele ihre alten Diätpläne gesichtet oder neue Anleitungen gesucht. Bücher und Zeitschriften überschlagen sich mit Lobeshymnen, Anzeigen versprechen eine Abnehmgarantie bei uneingeschränktem Wohlgefühl. Immer mehr Menschen nehmen den Kampf mit sich auf. Aus guten Gründen.

Vielleicht weil man beim Blick in den Spiegel nicht mehr vor sich bestehen kann und sich schrecklich alt fühlt. Oder weil man es einfach satt hat, immer alles in sich hineinzustopfen. Es kann die Angst sein vor Zivilisationskrankheiten und ungesundem Leben. Mit solcher Angst im Nacken kann es auch schon zu enormer Motivation kommen, die aber oft nicht lange anhält. Oder man will zum Widerstand aufrufen: Fasten für den Frieden, für das Leben, für das Klima, Fasten bis hin zum Hungerstreik. 

Fasten—ein Stück Erneuerung. Fasten, das  wohl tut. Man kann nicht übersehen, dass Fasten gerade als Teil eines Wellness-Programms daher zu kommen scheint. Der Maßstab wäre dann, ob es meinem Wohlbefinden dient. Aber etwas anderes ist es, was die christliche Tradition als Quelle  der Erneuerung angesehen hat, wenn sie empfiehlt, 40 Tage vor Ostern zurückhaltend zu sein mit Essen und Trinken, mit Alkohol, Süßem oder Fleisch. Ein wenig einfacher leben, ein wenig bewusster. Mit einer Geldspende als Fastenopfer am Ende  ist der Sinn dessen  nicht erklärt und erschöpft. Den Verzicht am eigenen Leib spüren, das ist noch etwas anderes.

Also: Fasten, das weh tut? Wehtuende Erneuerung? Damit kann man wohl keine Werbung machen. Oder es auf einen Gemeindebrief schreiben. Diese Art der Erneuerung ist nicht von vorne herein einleuchtend. Ihr Zweck erschließt sich nicht von selbst. Sie wird auch nicht automatisch wohltuend sein. Ganz im Gegenteil: Das zeigt uns unseren Schmerz, der im Leiden und Sterben Jesu seinen symbolischen Ausdruck findet.  Das Gefühl der Leere lässt sich nicht so einfach wegschieben. Es beschleicht uns, unerwartet. Fastend können wir unsere Sehnsucht nach erfülltem Leben nicht mehr einfach durch einen gefüllten Magen erledigen. Die Wunden, die das Leben hinterlassen hat, liegen offen. Die Bilder von hungernden Menschen gehen uns näher. Wir sind zum Mitleiden offen.

„Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe,“ — so steht es beim Propheten Jesaja: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.“ (Jes. 58, 6f) Erneuerung ist vor allem dann wohltuend, wenn sie anderen wohl tut. Echte Erneuerung des Herzens lenkt meinen Blick vom um sich selbst besorgten  Herzen weg zum Herzen des Mitmenschen.

„Wohlzutun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht!“ Das ist wohltuende Erneuerung.

Ihr

Dr. Hans-Martin Niethammer